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    FLORIAN LEIBETSEDER


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  • (2000 bis 2005)

    Wanderschaft- Prozession- Menschen in Bewegung
    Die Ausgangsorte der Bewegungen
    Was für den einen die Herkunft, ist für den anderen das Gastland.
    Ein Wiener am Rande Prags, in einem Dorf an der Stadtgrenze
    Und in der Ostukraine
    Eine Ukrainerin aus Poltava in Prag
    Prozession auf einen Hügel
    Das Dorf V Podbabe in Prag 6

    PRAG: DAS DORF PODBABE + PROZESSION AUF EINEN HÜGEL (-->)
    DER BAHNHOF DEJVICKA(--> page 2)
    UKRAINE - Poltava (November 2001) (--> page 2)
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    PRAG


    DAS DORF PODBABE

    WENZEL STANKOVICZ, unser Bürgermeister
    Portrait in Öl auf Leinwand -->

    Patriarch. Devise: Strenge muß sein. Verlässt sein Domizil höchst ungern. Arbeitet in der Tapeziererei der Luba ANTOCHOVA, ein paar Häuser weiter. Trotz seiner Devise höchst toleranter Mensch. Trinkt gern. Lacht laut und oft. Freigeist, der seine Frau IVANA streng hält. Singt russische Weisen, wenn ein Feuer lodert in langen Nächten. Ist von äußerster Hilfsbereitschaft. Fallweise wohnen ausländische Gäste bei ihm, die Freunde als Autostopper mitgenommen haben. Sehr erdverbunden. Faul, wie man sagen könnte, aber ständig bei der Verrichtung sinn-voller Tätigkeiten anzutreffen. Interesse für Geschichte, vor allem zweiter Weltkrieg. War immer dezidierter Antikommunist.
    Hält während der Arbeit in der Tapeziererei lebhaft Vorträge gegen nationalistische Gedanken und Aussprüche.

    DIE ERNEUERUNG DER INFRASTRUKTUR

    in Podbaba sorgte für Ruhe, indem das Städtische Kanalbauamt jeden Sommer Löcher in die Fahrbahn der Strassen V Podbabe und Lysalajiska graben ließ. So wurden fremde Autos zum Umkehren gebracht. Die Einheimischen wussten ihre Wägen um die Fahrverbotsschilder und Löcher herumzusteuern.
    Traf eine Spitzhacke im Straßenuntergrund irrtümlich ein Rohr mit Trinkwasser, welches dann springbrunnenartig hochschoss und so in den Häusern nicht verwendet werden konnte, sah man erboste Einheimische und ihre Ukrainischen Gesellen die Kanalbauarbeiter auf dem Weg ins Gasthaus in die sich rasch mit Wasser füllenden Löcher stoßen.

    Zwei Angestellte der Cesky Telekom arbeiteten wie verloren gut ein Jahr an einem Loch im schmalen Gehsteig. Sie tranken Bier, welches sie vorsichtig vom nahen Gasthaus zu ihrem Erdloch balancierten. Man sah sie dasitzen, oft mit etlichen Kabeln in der Hand debattierend, welcher Stecker zu welcher Büchse gehörte, und warteten auf ein Spezialkabel, welches von einer leider aber von amerikanischen Bomben mittlerweile
    zerstörten Fabrik in Serbien eben nicht mehr hergestellt werden konnte.
    Die beiden Techniker waren tüchtig, doch einmal in dieser reizvollen Hügel- und Tallandschaft verschwunden, hatten sie den atmosphärischen Einfluss der Grosstadt hinter sich gelassen.


    HISTORISCHES:

    Das linke Moldauufer war in der Jungsteinzeit ein beliebter Siedlungsort. Auf dem Gebiet der heutigen Prager Kleinen Seite, ziemlich genau unter dem Hradschin, in allernächster Nähe zum Standort des heutigen Parlaments und etwas weiter Fluss abwärts, im Gebiet um Scharka, Lysolaje, wurden die Reste urgeschichtlicher Siedlungen gefunden.

    Prag 6. Dejvicka.
    Zum ersten Mal tauchte der Namen um 1090 als Dehnice oder Degnice auf. König Vratislav teilte zwei Drechslern der Kirche des Heiligen Peters, am Vyshehrad gelegen, "zwei Pflug Land" zu. 400 Joch, fruchtbares und unfruchtbares Land. Die Pacht bezahlten Bohdan und Premil mit fertigen Drechslerarbeiten.

    Die Strasse in das Scharka Tal und nach Lysolaje biegt nach links ab. Ich geh durch das Bahnviadukt. Es ist dunkel. Der schwarze Felsen ganz nah. Alter Stein. Es stinkt nach Urin. Über mir die Geleise der Züge nach Dresden und Berlin.
    Ein Bach, der in die Moldau fließt. Er hat das Tal in die Babageschnitten. Baba, die Hexe. Ich wohne in der Strasse: In Unter der Hexe.
    Pflastersteine. Die ukrainischen und slowakischen Arbeiter sind auf ihren Knien die Strasse entlang gerutscht. Stein für Stein wird verlegt und befestigt. Alte Villen und Häuser. Sie tauchen in der Dunkelheit ihrer Gärten auf. Vorstellungen verdichten sich zu Wahrnehmungen. Das Laub der Bäume, die Formen der Dächer. In Nischen Statuen.
    Viele Anwesen tragen Namen. Schnitzerein in dem Holz der Veranden. Blühende Magnolienbäume.
    Grosse Gärten, deren Terrassen wie Stufen Höhe gewinnen lassen. Und Zeit. Alte Mauern stützen die Terrassen.
    Zu Beginn des 15. Jahrhunderts verkaufte der Grundherr Liegenschaften in der Gegend "unter Hanspaulka" und im Scharka Tal Prager Bürgern, die hier Weingärten anlegten.
    Wo Wein wächst, wird auch Wein gesoffen.
    Der Rausch übt eine befreiende Wirkung aus.
    Geradeaus geht es weiter nach Lysolaije. Die Strasse in das Scharka Tal biegt nach links ab. An der Kreuzung liegt das Gasthaus Na Bretislavce. Der Wirt kennt seine Gäste. Die wohnen zumeist in einem dieser dunklen Täler.
    1448 berichtete Jakob von Vresovic von einer Reise nach Prag. Er hatte einen Schutzbrief Jiri von Podebrads. Trotzdem lauerten ihm 40 Reiter auf, ergriffen aber die Flucht, als sie die hundert Begleiter unseres Berichterstatters sahen. Andere hatten weniger Glück. 1490 wurde einer Frau mit dem Schwert die Kehle durchgeschnitten, ihr wurde Geld und
    Rock geraubt. 1531 wurde der Fall Jiri Kunze gegen Jiri Zejdlic von Steinfeld verhandelt.
    Letzterer hat mit Kumpanen den Kläger verprügelt und beraubt.
    Die hiesigen Gauner arbeiteten mit dem Moldau abwärts gelegenen Schloßherrn von Rostoky zusammen. Der informierte die im Wald wartenden besoffenen Banditen über reiche Reisende.
    1595 gab Stefan Vato unter Folter an: Wir töteten mehrere Menschen bei der Kapelle unter der Baba und nahmen ihnen ihre Kreuzer. Ein anderer gestand, Mitglied einer Räuberbande zu sein.
    Die Gegend des heutigen Prag 6, das Scharka Tal, Lysolaje waren keineswegs dicht besiedelt. Trotz der Weingärten war die Gegend einsam. Ein königliches, ein kirchliches Gut. Schenke und Schmiede. Wildschweine, die es hier heute noch gibt. Die ganze Kastralgemeinde Dehnice zählte zu Beginn des 17. Jahrhunderts 64 Häuser.
    1619 gab es im Scharka Tal 9 Gebäude in Weingärten, 2 Wirtschaften und eine Mühle.
    Nach dem 30-jährigen Krieg siedelten sich Leute neu an. Widerwillig. Sie mussten Fronarbeit leisten. Die schon lange hier wohnenden konnten sich davon loskaufen. Nach der Schlacht am Weißen Berg war die katholische die einzig erlaubte Religion.



















    Die Weingärten beherbergten anstelle der Räuber jetzt Andersgläubige. 1721-1724 erließ der Staat strenge Gesetze. Alle Gebäude in den Weingärten mussten zerstört werden.
    Dennoch kamen die Durstigen. Die Sektierer. Die Gauner. Die Gäste aus der Umgebung und aus Prag. Der Weinbau litt sehr unter der Französischen Armee, die 1742 hier lagerte und die Weinstöcke zerstörte.
    Handwerker durften sich erst am Ende des 18. Jahrhunderts in Dejvicka ansiedeln, sie bezahlten nur eine Steuer und leisteten keine Fronarbeit. 1845 wurde die Ziegelei in Strahovice gegründet. Der Zuzug aus Prag nahm zu. Es kamen die gutbürgerlichen, kultivierten Sommerfrischler.

    Das Licht der Straßenlaternen flackert. Autos fahren hier kaum des nachts. Der Wald ist dunkel. Vor Räubern habe ich keine Angst. Die Säufer in der Gaststätte "Na Bretislavce" kenne ich. Die Bierfässer lagern im kühlen Keller. Es gibt Orte, die das Leben mitgestalten. Hier, Unter der Hexe, wohnen meine Freunde in einer Dorfgemeinschaft.
    V Podbabe 20. Villa Antoch. Um 1850 gebaut. Vor 1914 beherbergte die Villa einen Theatersaal und eine Galerie. Heute ist im Keller eine Tapeziererwerkstatt untergebracht. Frau Antoch hat drei Mitarbeiter. Wenzel, einer davon, wohnt mit seiner Familie fünf Häuser weiter. Milan richtet im selben Keller Türen her. Seine Freundin wohnt mit der
    Tochter einen Stock höher. Er war 1984 geflüchtet, 1995 zurückgekommen.

    Den Hausherren plagen Sorgen: Er muss seine Villa reparieren und die Auflagen der verschiedenen Ämter erfüllen. Die Obrigkeit! Man steht ihr skeptisch gegenüber. Im Garten steht die größte Platane der Tschechischen Republik. Man muss aufpassen, dass einen der Baum nicht verrückt macht. Manche Häuser tragen ihre Namen, auf der Mauer oder aber dem Gartentor. Purkrabka, zum Beispiel, und sie stimmen mit den Namen mancher historischer Weingüter überein.
    Wenzels Garten ist unser Dorfplatz. Wir sitzen in einer Efeulaube, ich beobachte den Verkehr auf der Strasse. Die meisten seiner Freunde kennt Wenzel aus der Volksschule in Lysolaje. Man ist irgendwie mit dem Kommunismus fertiggeworden. Oft sind wir zu acht, zu zehnt. Kinder laufen herum. Hier, in den Weinbergen, wo schon seit 200 Jahren kaum
    mehr Wein angebaut wird, pflegte man seinen Individualismus und hatte Strategien diskutiert, dem Militärdienst zu entkommen. Weite Teile des Gebietes stehen unter Naturschutz. Auf einem Feldweg kann man nach Lysolaje gehen, ein Dorf, das es zumindest seit 750 Jahren gibt. In einem alten Anwesen haben sich Metallgießer niedergelassen. Der Verputz vieler Häuser blättert ab. Darunter
    Ziegel- und Steinmauern, immer wieder diese zurechtgeklopften Steine mit ihrer hellen Farbe.

    Es ist kühl, ich gehe den Bach entlang zurück. Die Straßenlampen flackern, das Licht geht aus. Ich kenne die hiesigen Räuber.



    PROZESSION AUF EINEN HÜGEL














































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