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DAS DORF PODBABE
WENZEL STANKOVICZ, unser Bürgermeister
Portrait
in Öl auf Leinwand -->
Patriarch. Devise: Strenge muß sein. Verlässt sein
Domizil höchst ungern. Arbeitet in der Tapeziererei der
Luba ANTOCHOVA, ein paar Häuser weiter. Trotz seiner Devise
höchst toleranter Mensch. Trinkt gern. Lacht laut und oft.
Freigeist, der seine Frau IVANA streng hält. Singt russische
Weisen, wenn ein Feuer lodert in langen Nächten. Ist von
äußerster Hilfsbereitschaft. Fallweise wohnen ausländische
Gäste bei ihm, die Freunde als Autostopper mitgenommen
haben. Sehr erdverbunden. Faul, wie man sagen könnte, aber
ständig bei der Verrichtung sinn-voller Tätigkeiten
anzutreffen. Interesse für Geschichte, vor allem zweiter
Weltkrieg. War immer dezidierter Antikommunist.
Hält während der Arbeit in der Tapeziererei lebhaft
Vorträge gegen nationalistische Gedanken und Aussprüche.
DIE ERNEUERUNG DER INFRASTRUKTUR
in Podbaba sorgte für Ruhe, indem das Städtische
Kanalbauamt jeden Sommer Löcher in die Fahrbahn der Strassen
V Podbabe und Lysalajiska graben ließ. So wurden fremde
Autos zum Umkehren gebracht. Die Einheimischen wussten ihre
Wägen um die Fahrverbotsschilder und Löcher herumzusteuern.
Traf eine Spitzhacke im Straßenuntergrund irrtümlich
ein Rohr mit Trinkwasser, welches dann springbrunnenartig hochschoss
und so in den Häusern nicht verwendet werden konnte, sah
man erboste Einheimische und ihre Ukrainischen Gesellen die
Kanalbauarbeiter auf dem Weg ins Gasthaus in die sich rasch
mit Wasser füllenden Löcher stoßen.
Zwei Angestellte der Cesky Telekom arbeiteten wie verloren
gut ein Jahr an einem Loch im schmalen Gehsteig. Sie tranken
Bier, welches sie vorsichtig vom nahen Gasthaus zu ihrem Erdloch
balancierten. Man sah sie dasitzen, oft mit etlichen Kabeln
in der Hand debattierend, welcher Stecker zu welcher Büchse
gehörte, und warteten auf ein Spezialkabel, welches von
einer leider aber von amerikanischen Bomben mittlerweile
zerstörten Fabrik in Serbien eben nicht mehr hergestellt
werden konnte.
Die beiden Techniker waren tüchtig, doch einmal in dieser
reizvollen Hügel- und Tallandschaft verschwunden, hatten
sie den atmosphärischen Einfluss der Grosstadt hinter sich
gelassen.
HISTORISCHES:
Das linke Moldauufer war in der Jungsteinzeit ein beliebter
Siedlungsort. Auf dem Gebiet der heutigen Prager Kleinen Seite,
ziemlich genau unter dem Hradschin, in allernächster Nähe
zum Standort des heutigen Parlaments und etwas weiter Fluss
abwärts, im Gebiet um Scharka, Lysolaje, wurden die Reste
urgeschichtlicher Siedlungen gefunden.
Prag 6. Dejvicka.
Zum ersten Mal tauchte der Namen um 1090 als Dehnice oder Degnice
auf. König Vratislav teilte zwei Drechslern der Kirche
des Heiligen Peters, am Vyshehrad gelegen, "zwei Pflug
Land" zu. 400 Joch, fruchtbares und unfruchtbares Land.
Die Pacht bezahlten Bohdan und Premil mit fertigen Drechslerarbeiten.
Die Strasse in das Scharka Tal und nach Lysolaje biegt nach
links ab. Ich geh durch das Bahnviadukt. Es ist dunkel. Der
schwarze Felsen ganz nah. Alter Stein. Es stinkt nach Urin.
Über mir die Geleise der Züge nach Dresden und Berlin.
Ein Bach, der in die Moldau fließt. Er hat das Tal in
die Babageschnitten. Baba, die Hexe. Ich wohne in der Strasse:
In Unter der Hexe.
Pflastersteine. Die ukrainischen und slowakischen Arbeiter sind
auf ihren Knien die Strasse entlang gerutscht. Stein für
Stein wird verlegt und befestigt. Alte Villen und Häuser.
Sie tauchen in der Dunkelheit ihrer Gärten auf. Vorstellungen
verdichten sich zu Wahrnehmungen. Das Laub der Bäume, die
Formen der Dächer. In Nischen Statuen.
Viele Anwesen tragen Namen. Schnitzerein in dem Holz der Veranden.
Blühende Magnolienbäume.
Grosse Gärten, deren Terrassen wie Stufen Höhe gewinnen
lassen. Und Zeit. Alte Mauern stützen die Terrassen.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts verkaufte der Grundherr Liegenschaften
in der Gegend "unter Hanspaulka" und im Scharka Tal
Prager Bürgern, die hier Weingärten anlegten.
Wo Wein wächst, wird auch Wein gesoffen.
Der Rausch übt eine befreiende Wirkung aus.
Geradeaus geht es weiter nach Lysolaije. Die Strasse in das
Scharka Tal biegt nach links ab. An der Kreuzung liegt das Gasthaus
Na Bretislavce. Der Wirt kennt seine Gäste. Die wohnen
zumeist in einem dieser dunklen Täler.
1448 berichtete Jakob von Vresovic von einer Reise nach Prag.
Er hatte einen Schutzbrief Jiri von Podebrads. Trotzdem lauerten
ihm 40 Reiter auf, ergriffen aber die Flucht, als sie die hundert
Begleiter unseres Berichterstatters sahen. Andere hatten weniger
Glück. 1490 wurde einer Frau mit dem Schwert die Kehle
durchgeschnitten, ihr wurde Geld und
Rock geraubt. 1531 wurde der Fall Jiri Kunze gegen Jiri Zejdlic
von Steinfeld verhandelt.
Letzterer hat mit Kumpanen den Kläger verprügelt und
beraubt.
Die hiesigen Gauner arbeiteten mit dem Moldau abwärts gelegenen
Schloßherrn von Rostoky zusammen. Der informierte die
im Wald wartenden besoffenen Banditen über reiche Reisende.
1595 gab Stefan Vato unter Folter an: Wir töteten mehrere
Menschen bei der Kapelle unter der Baba und nahmen ihnen ihre
Kreuzer. Ein anderer gestand, Mitglied einer Räuberbande
zu sein.
Die Gegend des heutigen Prag 6, das Scharka Tal, Lysolaje waren
keineswegs dicht besiedelt. Trotz der Weingärten war die
Gegend einsam. Ein königliches, ein kirchliches Gut. Schenke
und Schmiede. Wildschweine, die es hier heute noch gibt. Die
ganze Kastralgemeinde Dehnice zählte zu Beginn des 17.
Jahrhunderts 64 Häuser.
1619 gab es im Scharka Tal 9 Gebäude in Weingärten,
2 Wirtschaften und eine Mühle.
Nach dem 30-jährigen Krieg siedelten sich Leute neu an.
Widerwillig. Sie mussten Fronarbeit leisten. Die schon lange
hier wohnenden konnten sich davon loskaufen. Nach der Schlacht
am Weißen Berg war die katholische die einzig erlaubte
Religion.
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Das Licht der Straßenlaternen flackert. Autos fahren
hier kaum des nachts. Der Wald ist dunkel. Vor Räubern
habe ich keine Angst. Die Säufer in der Gaststätte
"Na Bretislavce" kenne ich. Die Bierfässer
lagern im kühlen Keller. Es gibt Orte, die das Leben
mitgestalten. Hier, Unter der Hexe, wohnen meine Freunde in
einer Dorfgemeinschaft.
V Podbabe 20. Villa Antoch. Um 1850 gebaut. Vor 1914 beherbergte
die Villa einen Theatersaal und eine Galerie. Heute ist im
Keller eine Tapeziererwerkstatt untergebracht. Frau Antoch
hat drei Mitarbeiter. Wenzel, einer davon, wohnt mit seiner
Familie fünf Häuser weiter. Milan richtet im selben
Keller Türen her. Seine Freundin wohnt mit der
Tochter einen Stock höher. Er war 1984 geflüchtet,
1995 zurückgekommen.
Den Hausherren plagen Sorgen: Er muss seine Villa reparieren
und die Auflagen der verschiedenen Ämter erfüllen.
Die Obrigkeit! Man steht ihr skeptisch gegenüber. Im
Garten steht die größte Platane der Tschechischen
Republik. Man muss aufpassen, dass einen der Baum nicht verrückt
macht. Manche Häuser tragen ihre Namen, auf der Mauer
oder aber dem Gartentor. Purkrabka, zum Beispiel, und sie
stimmen mit den Namen mancher historischer Weingüter
überein.
Wenzels Garten ist unser Dorfplatz. Wir sitzen in einer Efeulaube,
ich beobachte den Verkehr auf der Strasse. Die meisten seiner
Freunde kennt Wenzel aus der Volksschule in Lysolaje. Man
ist irgendwie mit dem Kommunismus fertiggeworden. Oft sind
wir zu acht, zu zehnt. Kinder laufen herum. Hier, in den Weinbergen,
wo schon seit 200 Jahren kaum
mehr Wein angebaut wird, pflegte man seinen Individualismus
und hatte Strategien diskutiert, dem Militärdienst zu
entkommen. Weite Teile des Gebietes stehen unter Naturschutz.
Auf einem Feldweg kann man nach Lysolaje gehen, ein Dorf,
das es zumindest seit 750 Jahren gibt. In einem alten Anwesen
haben sich Metallgießer niedergelassen. Der Verputz
vieler Häuser blättert ab. Darunter
Ziegel- und Steinmauern, immer wieder diese zurechtgeklopften
Steine mit ihrer hellen Farbe.
Es ist kühl, ich gehe den Bach entlang zurück. Die
Straßenlampen flackern, das Licht geht aus. Ich kenne
die hiesigen Räuber.
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